partnersuche ungarn budapest -> free single parent online dating sites

free online single dating websites

Der Scharfrichter als Zauberer

free single online dating site Im Volke galt der Scharfrichter von jeher als Besitzer geheimnisvoller Kräfte, als ein Zauberer und Wundermann. Wie konnte dieses auch anders sein, war er doch an der Quelle der vielen, so sehr begehrten Wunder- und Zaubermittel, die der Volksmund als tabu und daher wunder- und heilkräftig bezeichnete.

Alles was von einem Hingerichteten stammte, war wertvoll und glückbringend. Um in den Besitz solcher Gegenstände zu kommen, wurde oft viel Geld und Geldeswert ausgegeben.

So galt z. B. der Galgenstrick als heilkräftiges Amulett, welches dem kranken Vieh umgehängt wurde. Jeder Landmann schätzte sich glücklich, in den Besitz solches Schatzes zu kommen.

Daneben war man bestrebt, Galgennägel, Glieder von Finger und Zehen, sowie Zeugstücke von des Gerichteten Bekleidung zu bekommen, die den Fuhrleuten und Soldaten eine große Hilfe beim Pferdeputzen waren. Es ging nämlich der Glaube, daß ein Fell, mit diesen Lappen geputzt, einen unübertroffenen Glanz geben würde.

Daß die Scharfrichter selbst mit den blutigen Holzsplittern des Blutgerüstes einen schwunghaften Handel treiben konnten, sei nur am Rande bemerkt. Da konnte es ja auch gar nicht anders scheinen, als ob der Henker weit mehr können mußte, als gewöhnlich sterbliche Menschen.

Wie sehr sich das Volk in allen Lebenslagen daher seinen Künsten anvertraute, ersieht man noch heute an den Sagen und Erzählungen, die über Generationen hinaus sich erhalten haben. Schon zu Ausgang des 17. Jahrhunderts sagt Döpler in seinem "Theatrum poenarum" wörtlich, daß viele Scharfrichter auch heimliche Zauberer und Hexenmeister seien.

Es kam ja nicht selten vor, daß Frauen unter seinen Händen lagen, die, als Hexe verklagt, die Tortur über sich ergehen lassen mußten. Was lag da näher als zu glauben, der Scharfrichter müsse ja all die Sprüche und Weisheiten kennen, die überführte Hexen unter den Qualen der Folter herausgeschrien hatten.

Der Diebsdaumen, ein Requisit, welches man sich des Nachts persönlich vom Galgen holen mußte, oder das auf Schleichwegen in den Behausungen der Nachrichter zu kaufen war, war der Inbegriff des Glückes. Die Kauf- und Handelsleute glaubten, daß er das Geld nie ausgehen ließe, und auf den unsicheren Landstraßen vor Diebesgelichter schütze. Vagabunden, Strolche und ähnliche böse Subjekte aber sahen ihn als Schlüssel zum Reichtum an.

Der Diebsdaumen besaß die Kraft, jedes noch so sicher versperrte Schloß zu öffnen und jeden noch so dunklen Raum zu erleuchten. Wie eine Kerze strahlte er ein geheimnisvolles Licht aus, in deren Schein der Überraschte in einen lähmenden Zustand versank, aus dem er erst nach Stunden wieder erwachte. Wie sehr dieser Diebsdaumen vom Dunkel des Geheimnisvollen umwittert ist, zeigt uns unter anderen auch Theodor Storm in einer seiner Novellen.

Es ist kaum glaublich, und doch bezeichnend für Bildung und Stand des Medizinalwesens früherer Jahrhunderte, wenn wir unter den Einkäufen für die Einrichtung der Ratsapotheke in Hannover 1568 u. a. "des gerechtfertigten Menschen Hirnschale" finden.

Es öffnet sich einem der ganze Teufels- und Hexenwahn des Mittelalters, dessen Überreste sich noch bis auf den heutigen Tag im Aberglauben und in der Volksmedizin erhalten haben. Zur Vertreibung von Ungeziefer diente der "muscus cranii humani" (d. h. Moos, auf Menschenhirnschale gewachsen), welches in einem Beutel unter dem Hemde getragen wurde.

Große Heilkraft besaß auch im Volksglauben das Blut von Hingerichteten. Es war ein probates Mittel gegen die Fallsucht (Epilepsie) und diente daneben auch gegen andere siechende Krankheiten.

Wie sehr auch dieser Glaube gerade in unserer braunschweigischen Heimat galt, ist oft erwiesen worden. So kamen z. B. noch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts viele Menschen zum Scharfrichter Uter in Königslutter, um von diesem "Plunnen", das sind Lumpen, die in das Blut Hingerichteter getaucht waren, einzuhandeln.

Als 1853 in Wolfenbüttel der Friseur Dombrowsky, der seine Frau vergiftet hatte, hingerichtet wurde, waren auch viele Menschen an die Stätte der Exekution geeilt, in der Hoffnung, Menschenblut zu bekommen.

Daß dieser Glaube selbst von höchsten Orten gestärkt und genehmigt wurde, ist zu erkennen an einer Hinrichtung in Dresden 1755, bei der zwei Schneidergesellen darum baten, ihren Kameraden, der an der Fallsucht litt, von dem Blute des hinzurichtenden Mörders trinken zu lassen. Es wurde dieses auch von der Obrigkeit genehmigt.

Als im Jahre 1803 zu Mainz der berüchtigte und durch viele Sagen und Überlieferungen verewigte ehemalige Scharfrichterknecht Johannes Bückler, kurz "Schinderhannes" genannt, der Anführer einer Räuberbande von 250 Mann gewesen war, und ein großer Teil seiner Kumpanen öffentlich guillotiniert wurde, fingen die Henkersknechte das Blut in Bechern auf, um es den Umstehenden zu trinken zu geben.

Daß aber die Scharfrichter es verstanden, bei etwaigem Bedarf auch ohne vorhergehende Exekution sich zu helfen wußten, ersieht man an der treuherzigen Aussage eines erst unlängst verstorbenen Abdeckers unseres Landes.

Der alte, weit über 80 Jahre zählende Mann sagte mir, nicht ohne ein schelmisches Augenzwinkern zu verbergen, daß ihm seine Großmutter oft erzählt hätte, wenn Leute in die Schinderei gekommen wären, um Blut von Hingerichteten zu holen, man aber schon seit Jahrzehnten dieses nicht mehr gehabt, man ihnen einfach Lumpen gegeben hätte, die in das Blut getöteter Maulwürfe getaucht waren.

Ein Beweis, wie wenig die Henker und ihre Leute selbst oft an die vom Volke begehrten Mittel glaubten. Auch die "Alruniken" oder "Ertmänneken", wie sie 1575 genannt werden, kaufte man am besten bei dem "Angstmann" in der Meisterei. Die Alraunwurzel war nach dem Glauben der Alten ein ganz besonderer Schatz, von dem Harsdörfer in seinem "Großen Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte, Hamburg 1678" wörtlich sagt:

dünne frauen suchen dicke männer "Etliche wollen, daß diese Wurzel unter den Hochgerichten gefunden werde, weil der Samen von den erhenkten Dieben heruntertriefe und solche 'Mandra goram' wachsen mache, welches Wort auch teutsch und von Mann tragender Wurzel den Namen gegeben. Alraun aber werde sie genennet, von dem Wort all und raun, raunen, weil es allen heimlich in die Ohren raune, was sie tun sollen, um reich zu werden ...."

Besonders die alten Scharfrichterknechte waren es, die neben einigen unheimlichen Weibern, und wohl hin und wieder einigen Schäfern, sich auf das Graben und Herrichten dieser "Teufelskinder" verstanden. Es war das eine Wissenschaft für sich, die mit großer Sorgfalt gelernt sein mußte. Unter geheimnisvollen Zeremonien mußte die Wurzel die Erde verlassen, ohne daß der Ausgrabende den dabei ertönenden Wehschrei hörte, da er sonst unweigerlich dem Wahnsinn verfiel.

Das "Galgenmännchen" oder auch "Heckmännchen" genannt, wurde angezogen, geputzt und gebettet.

Wie dieser Aberglaube selbst höchste fürstliche Kreise gewann, ersieht man an den noch heute in der Wiener Hofbibliothek verwahrten Alraunen Kaiser Rudolph II., die als "Weibchen und Männchen" in Samt und Seide gekleidet sind. Daß dieser Glaube auch bis in die heutige Zeit fortbesteht, ist kaum glaublich, aber Tatsache.

Das "Bannen" und das "Festmachen" verstand keiner so gut wie der Scharfrichter. Es ist bezeichnend für den Glauben, Menschen in einen starren, lähmenden Zustand zu versetzen, daß er gerade bevorzugt dem Henker und seinesgleichen zugetraut wurde.

Es gibt wohl keine deutsche Landschaft, wo nicht Sagen von solchen Hexenmeistern überliefert sind. Für Niedersachsen finden wir diese "Banner" in den verschiedensten Sagensammlungen.

Unsere engere Heimat kennt so z. B. den Scharfrichter Kraft aus Goslar, der sich als Hexenmeister und Banner einen weitbekannten Namen machte. Für Königslutter am Elm ist es Scharfrichter Uter, der "als größter Hexenmeister, Geisterbeschwörer und Wunderdoktor des Landes Braunschweig" galt.

Wenn hier an dieser Stelle und auch noch einmal unten auf die Scharfrichter von Osterode am Harz hingewiesen wird, so tue ich das, um zu zeigen, daß durch Generationen hindurch sich uraltes Wissen und Können vererbte. In Osterode war schon am Anfang des 18. Jahrhunderts die alte Familie Uder (Uhder n. d. Uter) mit der Scharfrichterei und der Wasenmeisterei belehnt. In diesem Geschlechte war es nun in der Regel, daß zahlreiche Söhne und Töchter die Meistereien der nahen und weiteren Umgegend, teils als Halbmeister, als Meisterknechte oder Meisterinnen auffüllten.

Sie alle hatten von ihren Vätern uraltes Volksgut gelernt, und es waren unter ihnen viele Männer, die als Hexenmeister oder Banner einen großen Ruf hatten.

Schon Pröhle sagt in seinen "Harzsagen", Leipzig 1854, Seite 168, vom Scharfrichter von Osterode, der vielen Leuten geholfen hatte, daß er u. a. auch bannen konnte. Wenn hier gesagt wird, daß der Meister von Osterode einen Dieb, der in seinem Garten Kohl stahl, auf die Gartenmauer festbannte, um ihn so lange festsitzen zu lassen, bis die Leute zum Kirchgang kamen, so sagt die Sage genau dasselbe von dem Urenkel dieses Meisters aus Osterode, dem Scharfrichter Uter in Königslutter (siehe H. Pinkernelle "Sagen des Kreises Helmstedt", Braunschweig 1951, Seite 26: Scharfrichter Uter).

Nur, daß hier der Humor des "lutterschen Nachrichters" sich in der Form offenbart, daß er das Weib seelenruhig solange sitzen läßt, bis er "Fräustücke" gegessen hat. Wenn sich die Sagen im Laufe der Jahrhunderte auch etwas verschoben, so ist hier in dieser Familie doch der Beweis erbracht, daß mit den Personen durch mehrere Generationen hindurch die Fähigkeit und die Volksmeinung mitwanderte.

Von dem übernatürlichen Können der Henker auf niederdeutschem Gebiet erzählt uns auch die Sage von dem Bremer Meister Adelarigs, der ein großer Hexenmeister war. Er sollte 1539 achtzig Seeräuber hinrichten. Vorher höre er in seinem Hause achtzigmal das Richtschwert in dem dazu gebauten Schranke klingen, dann aber klang es noch einmal, aber mit einem besonderen, eigenartigen Klang. Dieser letzte Klang galt aber dem Meister selbst. Er wurde als Zauberer gerichtet.

Die Stadt Lübeck hatte einstens mehrere Scharfrichter zu einem Wettbewerb geladen, in dem sie ausfindig machen wollte, wer von diesen am tüchtigsten und dem Amte der "Freien und Hansastadt Lübeck" würdig sei. Da zeigten sich die Meister von einer solchen Fertigkeit, daß man nur glauben mußte, daß dieses nicht mit rechten Dingen zuging.

Über die Geschäftstüchtigkeit und Findigkeit dieser Leute gibt am besten der Passauer Meister Kaspar Neithardt Auskunft. Er verfiel 1611 auf den Gedanken, mit einem Stempel allerhand Figuren auf Papierstückchen zu drucken, die er an die Söldner verkaufte. Diese Amulette sollten nämlich die Eigenschaft haben, gegen Schuß, Hieb und Stich festzumachen.

Da der Feind in dem Treffen des Passauer Bischofs gegen Matthias und die böhmischen Stände fast keinen Widerstand leistete, kamen tatsächlich alle die Landsknechte, die des Scharfrichters Kunst "festgemacht" hatte, unversehrt davon. Im Dreißigjährigen Kriege war daher die Nachfrage nach den "Passauer Zeddeln" bei Meister Kaspar so groß, daß er nicht alle befriedigen konnte.

Der Scharfrichter von Pilsen verstand sich auf das Gießen von Freikugeln, die ihr Ziel nie verfehlten. Da war dann der Scharfrichter weit und breit als zauberkundiger Mann sehr gefürchtet.

Er wurde von all den vielen ratsuchenden Menschen förmlich überfallen, um oft Hilfe zu schaffen, die es nur in den Hirnen abergläubiger Menschen geben konnte.

Als der Scharfrichter Uter in Königslutter einstens gefragt wurde, ob er denn selbst an Hexerei glauben würde, antwortete er lachend: suche frauen die auf dicke männer stehen "Et gifft keine Hexerie, woll awer Schelmerie" (!). Eine Offenheit, die aus diesem Munde kommend verblüfft.

Heinz-Bruno Krieger