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Flimmernde Leinwand meiner Kindheit

singlebörsen für mollige online Die erste Erinnerung, die ich an das Kino - den guten alten Kintop aus Großvaters Zeiten habe, führt mich zurück in eine Werbevorstellung, die von "Kathreiners - Malzkaffee" in Königslutter vorgeführt wurde.

Der Saal des "Deutschen Hauses" war bis auf den letzten Platz gefüllt. Es wurden viele lustige Dinge, aber auch interessante Begebenheiten gezeigt, die uns Ort und Stunde haben vergessen ließen. Nachdem die Vorführung beendet war, bekam die Mutter noch ein Werbepaket Kathreiner gratis in die Hand gedrückt, dass nicht ohne Lob und Dank für den seligen Pfarrer Kneip, aber auch mit nicht weniger Bedacht zu Hause getrunken wurde.

Wieder, ein anderes Mal, sah ich auf dem Saale der "Quelle" des Gasthauses auf der Neuenstraße, schräg gegenüber von meinem Elternhause, einen Film, der uns staunende Kinder die Fabel von der Ameise, die im Sommer immer so fleißig für den Winter vorsorgt und der Grille, die mit ihrer Laute fröhlich und ausgelassen, lustig und ohne Sorgen in den Tag hineinzirpt. - Fleiß und Faulheit, so drastisch und realistisch aufgezeigt, verkörperten sich so für uns in der Ameise und der Grille. Ich war von diesem Vortrag so sehr beeindruckt, dass ich am Abend gar nicht erst in den Schlaf finden konnte. Immer wieder musste ich an die in Not geratene, hungernde Grille denken, so dass ich mir fest vornahm, ja mal nicht im Leben so leichtsinnig zu sein wie sie.

Ich wollte nur immer die fleißige Ameise zum Vorbild nehmen.

Inzwischen waren Jahre vergangen.
Die "Kammerlichtspiele" an der Braunschweiger Straße Wir Kinder besahen die in der Stadt ausgehängten Kinobilder und Plakate und wenn wir des Sonntagsnachmittags von der Mutter einen Groschen, oft aber auch nur fünf Pfennige bekommen hatten, stellten wir uns auf der Braunschweiger Straße vor die "Kammerlichtspiele" und bestaunten die vielen Jungen und Mädchen, die alle das Glück hatten, in die hinteren Räume des Kinos, die Treppe runter, im Lichtspieltheater zu verschwinden.

Wir anderen Kinder aber standen draußen vor den Türen, hörten das feine Klingeln der Glocke, die uns verkündete, dass nun die Vorstellung begonnen habe und harrten der Dinge, die da kommen würden, hofften auf ein Wunder, das dann auch meistens nicht lange auf sich warten ließ. Er kam in Person des guten und unvergessenen Herrn Conrad Riedel, des Besitzers und Erbauers der "Kammerlichtspiele", der wie ein Feldherr in die Runde sah und fragte, warum wir denn nicht alle in die gerade kurz vorher begonnene Vorstellung gegangen seien. -

Es waren immer mehrere Kinder, Jungen und Mädchen da, und fast allen drückte der Schuh. Dann sagten wir, dass wir kein Geld - oder nicht genügend Geld da hätten, dass der Vater arbeitslos sei und was sonst noch in einer solchen Situation zu sagen war.

Herr Riedel nahm damals für einen Sperrsitz 25 Pfennig, für den Saalplatz - der auch Halunkenloge genannt wurde - 20 Pfennig, für uns Kinder. Er fragte nun, wie viel Geld wir denn überhaupt bei uns hätten. Wir kramten dann in unsere Taschen, nahmen unsere Groschen oder Fünfer heraus, und einer nach dem anderen von uns verschwand die Treppe hinunter, in das Kino hinein.

Blieben aber noch einzelne von den Kindern über, die gar kein Geld ihr eigen nennen konnten, dann verschwand der gute Herr Riedel - um wenig später, noch einmal auf der Bildfläche zu erscheinen, um nun die Unentwegten, die noch immer wartend vor der Türe standen, mit einer majestätischen Handbewegung verstehen zu geben, dass sie nun ebenfalls ins Kino hinein verschwinden konnten.

Ich war nicht selten bei diesen Letzten mit dabei, musste doch meine Mutter wirklich jeden Pfennig zweimal umdrehen, ehe sie ihn ausgeben konnte. Aber war ich darum schlechter oder unglücklicher dran, wie jene anderen Kinder, die oft eine halbe Mark oder mehr ihr eigen nennen konnten? -

Der gute Conrad Riedel ! -

Noch heute, nach all den vielen Jahren, sei es ihm gedankt, dass er so ein gutes und offenes Herz für die vielen armen Kinder vor seiner Tür gehabt hat! -

In jenen Jahren hatte ich nun einen Freund - Günter Wiemann - mit dem ich viele schöne Stunden gemeinsamer Freuden, Spiel, aber auch Wandern in Feld und Wald, verleben durfte. Es verging wohl kein Tag im Jahr, an dem wir nicht zusammen herumgetollt hätten. Nur, wenn der Sonntagnachmittag herangekommen war, so hatte Günter keine Zeit für seine Freunde. Er hatte nämlich das große Glück, Sonntag für Sonntag, jahrein - jahraus, gratis eine Freikarte für einen Balkonplatz im Kino zu erhalten. Diesen Platz, der für gewöhnlich Sterbliche nicht bestimmt und auch nicht bezahlbar war - er kostete damals für uns Kinder 50 Pfennige - pflegte der liebe Günter dann auch immer getreulich zu benutzen. Wir anderen, die wir nun hiervon wussten, beneideten und bewunderten ihn zu gleichen Teilen. Oft, Jahre sind seitdem vergangen, war ich hierüber sehr traurig, denn ich hätte entweder gerne mit ihm gespielt oder aber ich wäre ebenfalls gerne zu den Vorstellungen mit ins Kino hineingegangen. Mutter hatte auf keinen Fall das Geld über, und damals wünschte ich dann hin und wieder, dass mein Vater doch auch ein Polizist sein müsste, damit ich ebenfalls - wie Günter Wiemann - gratis in den Genuss einer solchen Kinokarte kommen könnte. -

Ich war gewiss noch sehr jung und unerfahren, aber ich kann mich noch genau hieran erinnern, dass ich mich zu Anfang dieser, meiner ersten Kinobesuche immer sehr darüber gewundert habe, dass die ersten Platzreihen vor der Leinwand meistens nur schwach besetzt oder oft auch leer waren. Als ich wieder einmal - dank des guten Herzens von Conrad Riedel - mit mehreren anderen Kindern hier hereinstürmte, setzte ich mich ganz allein dort vorn in die erste Reihe hin. Unbehindert von den vielen Köpfen und Rücken, die sonst die Sicht zum Bilde erschwerten, erlebte ich nun die Zauberwelt der flimmernden Leinwand. -

Es ist gewiss nicht übertrieben, wenn ich hier gestehe, dass der Film mich von klein auf, in jeder Form, nicht nur interessiert, sondern darüber hinaus wesentlich gebildet hat. Hier sah man die großen Gestalten der Weltgeschichte, erlebte ihre Zeit und nahm Anteil an ihren Taten. Ferne Länder und Völker, Sitten und Gebräuche, wurden vor einem lebendig. Man war einfach mit dabei, wenn gefährliche Abenteuer heldenmütigen Einsatz verlangten.

Als wir einmal Andreas Hofer und seine Getreuen auf der Leinwand gesehen hatten, waren wir noch Wochen später hiervon so begeistert, dass sich in unseren Spielen in Wald und Feld nur alles um die Tapferen Tiroler drehte.

Wir schnitzten uns damals aus Heckenruten kleine Holzfiguren, kindlich und naiv, oft nur in die Rinde eingekerbt. Diese waren für uns Tiroler und Franzosen. Ich glaube, damals in der Gartenlaube meines Freundes Günter, die im großen Garten, nördlich der "Herberge zur Heimat" lag und an deren Stelle heute das Haus von Herrn Wilhelm Wallenstein, in der Parkstraße steht, habe ich zum ersten Mal beim Schnitzen dieser kleinen Holzpuppen Freude und Lust am Gestalten und zum Schnitzen erhalten.

Flimmernde Leinwand meiner Kindheit - Erinnerungen um den Kintop aus Großvaters Zeiten.

Die Jahre sind vergangen, der alte Herr Conrad Riedel steht nicht mehr an der Tür, um arme Kinder in seine Kammerlichtspiele hineinzulassen. Aber die Herzen brennen, wie eh und jeh, wenn sie zurückdenken an diese ferne und doch so nahe Zeit. -

Heinz-Bruno Krieger